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Artikel: Filmkritik - Tarantinos Amateurfilm

Autor: D-Movie, 11442 × angezeigt

1987. Im K-Billy Radio Studio hängt das Sternenbanner der Vereinigten Staaten von Amerika. Davor sitzen, umgeben von herumliegenden Schallplatten, Lenny Otis vom lokalen Cochran-Fanclub und ein Disc Jockey in Hemd und Krawatte. Die Art von Krawatte, die fünf Jahre später sechs wilde Hunde bei einem Raubüberfall tragen werden. Zwischen den beiden steht ein Shure-Mikrofon. Sie plaudern über den Todestag des Rockabilly-Musikers Eddie Cochran. Die Art von Smalltalk, die zwei Auftragskiller sieben Jahre später über Big Kahuna Burger führen werden. Dieses Radiointerview, im Schmalbild-Format schwarzweiß auf 16 Millimeter geschossen, eröffnet das filmische Werk von Quentin Tarantino – der Schauspieler, der besagten DJ spielt, oder besser bekannt als der Regisseur, der mit dem Big Kahuna Burger Filmgeschichte schrieb. „My Best Friend’s Birthday“ ist sein erster Film, wohlgemerkt nicht sein Debütfilm. Denn bevor Tarantino sich 1992 auf dem Sundance Film Festival mit seinem zwar mäßig budgetierten, aber professionell produzierten offiziellen Erstlingswerk „Reservoir Dogs“ einen Namen machte, drehte er „My Best Friend’s Birthday“ mit einigen Freunden aus der Videothek, in der er arbeitete, und dem Schauspielunterricht, den er besuchte, noch auf Amateurbasis. Genau genommen handelt es sich dabei auch nicht um Tarantinos erstes Spielfilmprojekt.
Bereits 1983 – im Alter von 20 Jahren – arbeitete Tarantino mit Scott McGill an „Love Birds in Bondage“, einer schwarzen Komödie über ein Mädchen, das durch einen Autounfall einen Hirnschaden erleidet und infolge ihrer unberechenbaren Stimmungsschwankungen in eine Anstalt eingewiesen wird, dicht gefolgt von ihrem devoten Freund, der sich aus freiem Willen einweisen lässt, um dem Mädchen nah zu sein. Neben seiner Beteiligung an Buch und Regie wollte Tarantino sich schon in diesem Film als Schauspieler unter Beweis stellen. Stattdessen wurde das Filmprojekt aufgegeben und das bereits abgedrehte Material vernichtet – von Scott McGill selbst oder von dessen Mutter, darüber lässt sich streiten. Zurück ins Jahr 1987: Scott McGill begeht Selbstmord und „My Best Friend’s Birthday“ wird vor einem kleinen Publikum uraufgeführt – zumindest das, was nach einem Laborbrand von dem bereits abgedrehten Film übrig geblieben ist: 36 von ehemals 70 Minuten. Dieser unvollendete Streifen wurde inzwischen auf etlichen Filmfestivals gezeigt und weist schon eindeutig die Markenzeichen Tarantinos auf, obwohl die ursprüngliche Idee zu dem Film von Craig Hamann kam. Bereits 1984 begann Hamann, der wie Tarantino den Schauspielunterricht von Allen Garfield besuchte, ein teils autobiografisches Drehbuch zu verfassen, das Tarantino später als Co-Autor auf 80 Seiten ausbaute. Damit waren die Startvoraussetzungen gegeben: Mit einem Budget von 5000 US-Dollar begannen 1985 die Dreharbeiten unter der Regie des 22-jährigen Tarantino, der zu der Zeit schon hauptberuflich in der Videothek „Video Archives“ in Manhattan Beach arbeitete. So viel zur turbulenten Entstehungsgeschichte von „My Best Friend’s Birthday“ – man sollte sie bei der Betrachtung des Films im Hinterkopf behalten. Worum es geht, lässt der Titel schon erahnen:
Weil Mickey (Craig Hamann) an seinem Geburtstag von seiner Freundin (Linda Kaye) verlassen wird, versucht sein bester Kumpel Clarence (Quentin Tarantino), den Geburtstag irgendwie zu retten, indem er nach dem perfekten Geschenk sucht. Klingt nicht nach den Geschichten, mit denen Tarantino die jüngere Filmgeschichte bereichert hat – und in der Tat handelt es sich bei diesem halbfertigen Werk praktisch um seine einzige Komödie (mal abgesehen von seiner Episode in „Four Rooms“). Tarantino selbst nannte den Film „a Martin and Lewis kind of thing“ und „amateurish, and not in a charming way” – eine lobenswerte Selbstkritik und nicht ganz unangebracht. „My Best Friend’s Birthday“ ist eben ein Amateurfilm, den Tarantino gerne als seine Filmschule bezeichnet. Vielleicht hat er aus diesem Film gelernt, dass sein Schauspiel ein bisschen over the top und er besser auf dem Regiestuhl aufgehoben ist. Oder dass die Dramaturgie, soweit sie sich anhand des ersten Aktes beurteilen lässt, mehr Feinschliff vertragen hätte. Bei der Dialoglastigkeit, die für Tarantino typisch ist, steht und fällt die Güte einer Szene mit dem Timing und der Dosis des verbalen Schlagabtausches. Schon in diesem Amateurprojekt reden sich die Protagonisten um Kopf und Kragen, doch was Tarantino später geschickt zur Charakterisierung einsetzte, dient hier ausschließlich der Besprechung popkultureller Themen. Dafür ist der Plot des Films, die Suche nach einem Geburtstagsgeschenk, nicht packend genug. Über ein Jahrzehnt später schlug Tarantino mit seinen Dialogen in „Death Proof“ wieder über die Stränge, doch hier sind die exzessiven Smalltalks eingeflochten in ein Roadmovie um einen eiskalten Muscle-Car-Killer – sowas hält den Zuschauer schon eher bei der Stange.
Da man „My Best Friend’s Birthday“ eher als Fragment, denn als fertigen Film betrachten muss, entzieht sich dieser Streifen jedoch geradezu einer Rezension. Viel zu dankbar ist der Tarantino-Fan für einen Einblick in das frühe Schaffen des heutigen Altmeisters – immerhin legt er damit sozusagen den Grundstein für sein eigenes Filmuniversum. Einige sogenannte Tarantino-Brands gehen auf diesen Film zurück. Zum Beispiel das K-Billy Radio, das auch in „Reservoir Dogs“ läuft. Die Protagonisten plaudern über den Schauspieler Aldo Ray, der später als Namensvetter für Brad Pitts Rolle in „Inglorious Basterds“ herhalten wird und Clarence alias Tarantino sagt (O-Ton): „See, I look at him, I'd wanna be him so bad, I mean, Elvis looked good! I mean, I'm no fag, but Elvis was good-lookin'. I always said, you know, if I ever, I - had to fuck a guy? I mean, had to 'cause like, my life depended on it? I'd fuck Elvis.“ Sinngemäß dasselbe lässt Clarence alias Christian Slater in „True Romance“ vom Stapel. Im Drehbuch zu dem Film von Tony Scott verarbeitete Tarantino ohnehin eine ganze Reihe von Ideen aus „My Best Friend’s Birthday“. Bemerkenswert ist noch die musikalische Untermalung, die einen passenden Auftakt zu Tarantinos Werk bietet, in dem Musik immer eine große Rolle spielt: unter anderem Johnny Cash und Elvis Presley sind im Hintergrund zu hören. Übrigens: Mickeys Exfreundin wird von Linda Kaye gespielt, der Frau, die in „Pulp Fiction“ einen Schuss ins Bein abbekommt. Das ist nur einer von zahlreichen Cameos, die sich die Schauspieler aus „My Best Friend’s Birthday“ in späteren Tarantino-Filmen bis dato lieferten. Augen auf – dieser Streifen ist der inoffizielle Startpfiff einer absolut sehenswerten Filmographie!


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